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Thema: Das Thüringer Königreich - Teil 1
sunset (offline)
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Beiträge: 5325
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Mitglied seit: 10.11.2005

Deutschland
icon1   Das Thüringer Königreich - Teil 1 #1 Datum: 07.06.2008, 18:10  

Das Thüringer Königreich

von

Rüdiger Gebser


Vorwort

Die Grenzen und Auswirkungen unserer Wohlstandsgesellschaft und die damit einhergehende Entfremdung von den naturgegebenen Grundlagen unserer Existenz sind gerade in letzter Zeit vielen Menschen bewußt geworden.
Dies hat zu einer allgemeinen Rückbesinnung auf die Grundlagen unseres Daseins und zu einem wachsenden Interesse an unserer Herkunft geführt.
Es liegt in unserer Natur, daß wir bestrebt sind unseren wahren Ursprung zu ergründen, weil die Gene, die wir in uns tragen,
uns schon auf einer unbewußten, aber biochemischen Ebene an unsere Ahnen binden.
Als ich im Jahr 2000 Reinhold Anderts Buch ,,Der Thüringer Königshort" aufmerksam gelesen hatte, beschloß ich, mich näher mit der Geschichte des Thüringer Königreiches zu beschäftigen,
über das bis jetzt nur wenig Literatur veröffentlicht worden war, deren Verfasser sich meistens an die kläglichen schriftlichen Überreste altfränkischer Chronisten klammerten,
ohne jedoch die Gesamtheit aller Quellen zu nutzen.
Darunter verstehe ich die Einbeziehung und das Vergleichen aller Informationen aus der Geschichtsund Altertumsforschung inklusive ihren Teilbereichen Genealogie und Archäologie,
der germanischen Namensentstehung in Verbindung mit der Topographie (Toponymie) sowie der germanischen Mythologie.
Nach einer gründlichen Überarbeitung altfränkischer und römischer Geschichtsquellen sowie der computergestützten Aufarbeitung genealogischer Daten
sind von dem amerikanischen Genealogen Gary O. Green 1998 neue Erkenntnisse über die altfränkischen Königshäuser veröffentlicht worden.
Fehlende Jahresangaben wurden unter Zuhilfenahme geschichtlicher Ereignisse hochgerechnet.
Durch diese Art der genealogischen Datenverarbeitung kamen erstaunliche Ergebnisse ans Licht.
Besonders die verwandtschaftlichen Verhältnisse zum Thüringer Königshaus und zu den Königen der Ostgoten und Langobarden sind weitreichender als bisher angenommen
und könnten die sagenhaften Berichte über ,,Brudermord" und Erbstreitigkeiten bestätigen, was letztlich ja auch zur Zerschlagung des Thüringer Königreiches geführt hat.
Die in einigen Chroniken veröffentlichten Namen Thüringer Könige sind zum größten Teil Erfindungen spätmittelalterlicher Chronisten.
Auch das Wissen über die Geschichte des Thüringer Königreiches besteht, außer der ,,Historia Francorum" des fränkischen Chronisten Gregor von Tours (538-595)
und der ,,Vita Radegundis" des Dichters Fortunatus (534-609), mehr aus im alten Volksglauben überlieferten Sagen als auf wahrheitsgetreuen Berichten.
Da aber jede Sage einen wahren Kern enthält, ist es durchaus möglich, eine Rekonstruktion über die zu jener Zeit stattgefundenen Ereignisse zu wagen.
Durch Gregor von Tours sind auf jeden Fall die letzten Thüringer Könige verbürgt, nämlich die drei Söhne König Bisin II.: Baderich / Balderich (,,der Kühnreiche"), Berthachar / Berthar (,,der glänzende Held") und Herminafrid / Irminfrid (,,der große Frieden").
Auf der Grundlage der mir zur Verfügung stehenden Quellen habe ich versucht, meine Sicht über die Entstehung und das Ende des Thüringer Königreiches darzulegen.
Einen endgültigen Beweis, ob es tatsächlich so gewesen ist, wird letztendlich nur die Archäologie erbringen können, was Frau Dr. Duseks Abhandlung ,,Urund Frühgeschichte Thüringens" eindrucksvoll belegt.
Denn ,,königliche" Grabfunde sind bisher, außer in Gispersleben, Oßmannstedt, Großörner, Stößen und Zeuzleben, noch nicht gemacht worden.
Das Grab eines Thüringer Königs mit seinem vermutlich reichen Goldschatz läßt immer noch auf sich warten.
Seine Entdeckung würde sicherlich viel Licht ins Dunkel bringen.

Rüdiger Gebser Mitglied in der AG Mitteldeutsche Familienforschung e.V. Erfurt im Oktober 2001

Die Thüringer

Wer sich mit der Herkunft der alten Thüringer beschäftigt, stellt sehr schnell fest, daß er sich mit der germanischen Besiedlung ganz Mitteldeutschlands auseinandersetzen muß. Da aber Vorgänge siedlungsgeschichtlicher Art in schriftlichen Quellen im allgemeinen nur einen schwachen Niederschlag gefunden haben, ist der Forscher daher in besonders starkem Maße auf die Heranziehung von Bodenfunden, auf die Untersuchung von Ortsund Gewässernamen sowie auf die Analyse von Ortsund Flurformen angewiesen. Die siedlungsgeschichtliche Forschung hat die Bedeutung dieser Quellengattungen seit langem erkannt, und es haben sich im Laufe der Zeit methodische Grundsätze für ihre Verwendung und Aussagekraft entwickelt. Seit Wilhelm Arnold, der 1875 sein grundlegendes Werk über die ,,Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, zumeist nach hessischen Ortsnamen" veröffentlichte, weiß man um den Aussagewert, aber auch um die Problematik der Ortsnamenkunde und ihre Verwendung für die Erhellung siedlungsgeschichtlicher Prozesse. An die Arbeit von Arnold anknüpfend veröffentlichte A. Werneburg 1884 sein Buch ,,Die Namen der Ortschaften und Wüstungen Thüringens", in dem er besonders die Ortsnamen mit Endungen auf -leben und -stedt zu erklären versucht. Insbesondere ist es aber auch die mythologische Religion unserer Vorfahren, die uns in schriftlicher Form in der älteren Edda erhalten ist und ebenfalls Aufschlüsse über frühes Siedlungsverhalten und die Entstehung mancher Ortsnamen geben kann. Alle germanischen Stämme besaßen, trotz mancher geographischer Isoliertheit, ein ,,metaphysisches" Urbewußtsein. Man verehrte, mehr oder weniger, die selben Götter und erzählte sich die selben Geschichten über die Entstehung der Welt und den Kampf der Götter diese im Gleichgewicht zu halten und berichtete von einem gemeinsamen Ursprung. Die moderne Forschung geht heute davon aus, daß die Germanen ein Teilvolk der großen indogermanischen Völkerfamilie sind, die aus Zentralasien kommend, nach Europa einwanderte und durch die ethnische Vermischung mit der ansäßigen Bevölkerung, die antiken Völker (Perser, Hethiter, Griechen, Illyrer, Kelten, Romanen und Germanen) gebildet hat. Siedlungsarchäologisch sollen bereits die Bandkeramiker, die im 4. Jahrtausend in Mitteleuropa im Donauraum lebten, Indogermanen gewesen sein, ebenso die Trichterbecherleute, die im 3. Jahrtausend vor Christus im nördlichen Mitteleuropa siedelten und an die uns heute ihre Megalithoder Hünengräber erinnern. Fest steht aber, daß die in der späten Jungsteinzeit ab etwa 2300 vor Christus in ganz Mitteleuropa lebenden Schnurkeramiker oder Streitaxtleute Indogermanen gewesen sind. Sie kamen über die Donau und den thüringischen Raum (!) nach Nordeuropa und mit ihnen die schnurverzierten Töpfe, die steinernen, feingeschliffenen Streitäxte und die Einzelgräber, so daß ihr Weg der Elbe und Oder abwärts archäologisch leicht zu verfolgen ist. In Küstennähe trafen sie auf die Megalithleute, die Erbauer der Hünengräber, jenes Bauernvolk, das aus westlichen Bereichen kommend, die bereits ansäßige Jägerund Fischerbevölkerung unterworfen und an die Ackerarbeit gewöhnt hatte. Die Streitaxtleute setzten sich neben diesen Megalithbauern fest und langsam setzte auch hier die gegenseitige Durchdringung ein (in der germanischen Mythologie begegnet uns dieses Ereignis als Kampf der Asenund Wanengötter, die sich schließlich gemeinsam die Götterwelt teilten). Aus der Vermischung dieser beiden Völker gingen die Germanen hervor. Sie waren also genau wie die Kelten und Illyrer das Produkt einer umfangreichen Rassenmischung. Wann dieser um 2000 vor Christus beginnende Vorgang beendet war, ist schwer zu sagen. Das steingefaßte Einzelgrab hat das Hünengrab um 1700 vor Christus verdrängt, so daß man ab hier vorsichtig von den Urgermanen sprechen kann, die in Südskandinavien und auf den dänischen Inseln heimisch wurden. Bis 1000 vor Christus schoben sie ihre Grenzen langsam im Osten bis Stettin, im Westen bis zur Wesermündung und im Süden bis zu einer Linie vor, die etwa vom Elbknie bei Magdeburg bis zum Oderknie bei Angermünde verlief. Ein Vierteljahrtausend später hatten sie auf der Verlängerung dieser Linie im Osten die Weichsel, im Westen die Ems erreicht. Aus dieser Position drangen sie im Verlauf der nächsten 250 Jahre bis Schlesien und über den Niederrhein bis nach Belgien vor. Da die im 6. Jahrhundert vor Christus in der norddeutschen Tiefebene existierende Jarstorfkultur eindeutig germanisch ist, kann man ab 550 vor Christus von den Germanen als sprachlich und kulturell eigenständige Bevölkerungsgruppe sprechen. Um 300 vor Christus überschritten sie in breiter Front den Oberlauf der Weichsel, während sie sich im Westen der Mosel näherten, wo sie die Römer zum Halt zwingen. Je weiter sie sich von ihrem Ausgangspunkt entfernten, um so mehr gliederten sie sich in einzelne Stämme auf und wie im Westen und Süden der keltische Einfluß, so hinterließ im Osten der illyrische Einfluß seine Spuren. Diese, fast 1000 Jahre dauernde, Ausweitung des germanischen Siedlungsraumes ist weder genau zu datieren noch zu benennen. Die erste von den Historikern zu verzeichnende Wanderung verbindet sich mit den Namen der Kimbern, Teutonen und Ambronen, die 115 vor Christus von ihren Wohnsitzen an der Nordseeküste aufbrachen. Sie zogen zunächst der Elbe aufwärts, durch das Land der Sueben, wandten sich, als sie in Böhmen auf den Widerstand der Kelten stießen, zur Donau und drangen über die Steiermark nach Kärnten ein, das damals von den keltischen Tauriskern besiedelt war und zur römischen Provinz Noricum gehörte. Sie zogen weiter nach Südfrankreich, wo die Römer unter Konsul Junius Silanus 105 vor Christus bei Aurasio eine schwere Niederlage hinnehmen mußten. Der Heerführer Gajus Marius besiegte schließlich bei Aquae Sextiae die gefürchteten Speerkrieger (Ger-manen) des Kimbernfürsten Bojorix. Die Römer bezeichneten die Rheingermanen (Germani cisrhenani) anfänglich als Tungrer, während der Name ,,Germanen" als Gesamtbezeichnung aller Stämme etwa 80 vor Christus durch den griechischen Philosophen und Historiker Poseidonius gebraucht wurde.

Die Stammesverbände der Germanen bildeten im wesentlichen drei große Kulturgruppen. Alle germanischen Stämme feiern in alten Liedern den der Erde entsprossenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus als Stammväter ihres Volkes. Mannus soll drei Söhne gehabt haben, nach deren Namen die östlichen Stämme in Ingävonen (Ingo), die in der Mitte in Hermione (Irmio) und die westlichen Stämme in Istävonen (Isto) benannt wurden. Die elbgermanische (hermionische) Kultur reichte vom heutigen Brandenburg bis in die westliche Slowakei. Den Hauptanteil an den Thüringern tragen wohl die Hermunduren (deren Stammesbezeichnung soviel wie ,,die großen Dauerbewohner" bedeutet), welche ab dem ersten Jahrhundert vor Christus zusammen mit den Langobarden, Semnonen, Juthungen, Markomannen und Quaden Träger der elbgermanischen Kultur waren und von Tacitus zu dem großen Stammesverband der Sueben (Sueven, Sweben = Schwaben) gerechnet wurden. Fast 400 Jahre lang sind die ,,Hermunduri" als suebisch-elbgermanischer Stamm bezeugt und in Thüringen belegen archäologische Funde von Fibeln, eisernen Waffen, Terrinen, Schalenurnen und rädchenverzierten Keramikteilen in Oberdorla, Nordhausen, Gera-Tinz (Rennöfen zur Eisenverhüttung), Schlotheim, Großromstedt, Dienstedt, Flurstedt, Haina und Haarhausen ihre dauernde Anwesenheit. Zentrale Kultplätze, Brandbestattungen und Fürstengräber weisen auf die Entstehung einer Klassengesellschaft sowie eines mächtigen Gentiladels hin. Es wurde unterschieden zwischen: Nobiles (Adlige), Ingenui (Freie), Liberti (Freigelassene) und Servi (Sklaven). In Oberdorla entstand im ersten Jahrhundert vor Christus eines der wichtigsten hermundurischen Heiligtümer, das noch bis ins sechste Jahrhundert nach Christus von den Thüringern benutzt wurde. Die Verehrung der gallo-römischen Göttin Diana bestätigt die engen Kontakte zwischen Römern und Hermunduren. Aus dem Dianakult wurde unter den Thüringern später der Jechakult. Jecha, von der sich das hochdeutsche ,,jagen" ableitet, war die germanische Göttin der Jagd, aber auch der Poesie und wurde besonders in Thüringen verehrt (Jechaburg).

Unter Kaiser Augustus (27 v.Chr. bis 14 n.Chr.) versuchten die Feldherren Drusus (9 bis 12 v.Chr.) und Tiberius (4 bis 6 n.Chr.) das römische Imperium bis zur Elbe auszudehnen, was ihnen aber letztendlich nicht gelang. Denn besonders nach der Varusschlacht bei Kalkries, am Nordrand des Teutoburger Waldes, wo die Legionen des römischen Oberbefehlshabers und Statthalters von Germanien Quintilius Varus im Jahre 9 gegen den Cheruskerfürsten Armin eine entscheidende und am Ende traumatische Niederlage hinnehmen mußten, wurden die Römer wieder in ihre alten Grenzen zurückgewiesen. Die Hermunduren schlossen sich nach diesem triumphalen Sieg zusammen mit den Langobarden dem Cheruskerbund an und kämpften im Jahre 17 in einer verlustreichen Schlacht (in der Leipziger Tieflandsbucht), in der es keinen eindeutigen Sieger gab, gegen den Markomannenbund König Marbods. Zu Lebzeiten des griechischen Geographen Strabon ( 63 v.Chr. bis 20 n.Chr.), der Schüler des Poseidonius (135 bis 51 v.Chr.) war, siedeln die Hermunduren zusammen mit den Langobarden beiderseits der Elbe. Dies bestätigt auch der Stiefsohn von Kaiser Augustus, Tiberius, der im Jahre 5 nach Christus in der Altmark auf der rechten Flußseite auf Semnonen und Hermunduren, auf der linken auf Langobarden stößt. Bereits im Jahre 3 hatte der römische Feldherr Lucius Domitius Ahenobarbus, Großvater Kaiser Nero`s (37-68), heimatlosen Hermunduren in der Gegend der Markomannen (zwischen Ingolstadt und Linz) Wohnsitze zugewiesen. Im Bündnis mit diesen Hermunduren stürzen die Römer im Jahre 19 unter Drusus den Markomannenkönig Marbod und gründen die Provinz Rätien mit der Koloniestadt der Hermunduren Augusta Vindelicorum, dem heutigen Augsburg, als Hauptstadt. Als ersten Stammesfürsten der Hermunduren (noch nicht der Thüringer) nennt Tacitus König Vibilius (Weibel), als er 51 nach Christus den Nachfolger des Markomannenkönigs Marbod, den Goten Catualdo besiegt. Danach verleibt er sich das böhmische Markomannenreich sowie, als er auch König Wannius mit Hilfe dessen Neffen Vangio und Sigo vertreibt, Teile des mährischen Quadenreiches ein. Weibel muß auch maßgeblich an den Kämpfen gegen die Chatten (Hessen) im Jahre 58 beteiligt gewesen sein, um die als heilig angesehenen Salzquellen an den Flüssen Werra und Fulda sowie der Weser aufwärts bis ins Emmerthal beim heutigen Bad Pyrmont in Besitz zu nehmen, wobei die besiegten Chatten alle dem höchsten Gott Wodan geopfert wurden. Im Jahre 98/99 veröffentlicht der römische Gelehrte, Praeconsul von Belgien und Schwieger sohn des Agricola (Statthalter von Britannien) Publius Cornelius Tacitus (56-118) sein Werk ,,Berichte über Germanen und Germanien", in dem er die Hermunduren öfters nennt, sie als ,,römerfreundlich" bezeichnet und anmerkt, daß die Elbe im Land dieses suebischen Stammes entspringt (Riesengebirge). Etwa sechzig Jahre später erwähnt der griechische Geograph Klaudios Ptolemaios in seiner ,,Cosmographica" einen nördlich der Sudeten wohnenden Volksstamm, den er auf griechisch ,,Teuriochaimai" (Teurisker) nennt. Hierbei handelt es sich entweder um, die in Noricum und Böhmen wohnenden, keltischen Taurisker oder um frühe Westgoten (wisi-goths), die sich anfänglich als Thevinger, Thervinger oder Turlicinger bezeichneten und nichts mit den späteren ,,Toringi" zu tun haben. Zwischen 166 und 180 nach Christus gelten die Südhermunduren als Feinde Roms. Offenbar besteht jetzt eine Waffenbrüderschaft mit den Markomannen, mit denen sie zusammen über die Donau setzen und Beutezüge durch die römische Provinz Rätien unternehmen. Dieser ,,Markomannenkrieg" gegen Rom, in dem die Hermunduren als Verbündete der Markomannen (,,Grenzlandleute") auftreten, scheitert jedoch und nur der plötzliche Tod von Kaiser Marc Aurel (121-180) verhindert, daß Böhmen römische Provinz wird. In dieser Zeit beginnen die ingwäonischen Stämme der Angeln und Warnen, durch Klimaverschlechterungen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Angeln stammen vorzugsweise aus Schleswig und Jütland, während die Warnen aus Holstein und Mecklenburg nach Süden zogen. Die Besiedlung des Thüringer Raumes erfolgte sowohl zeitlich als auch räumlich in unterschiedlicher Weise. Es ist nicht bekannt, ob diese nordisch geprägten Stämme sich durch kriegerische Handlungen ihr Siedlungsrecht erkämpften. Vielmehr wurden sie von den Hermunduren toleriert, ja sogar verehrt. Dies könnte damit erklärt werden, daß die Angeln und Warnen alten Traditionen aus der germanischen Urheimat Skandinavien anhingen, die bei den südlicheren Stämmen größtenteils in Vergessenheit geraten waren. Bei der Entstehung des neuen Stammes der Thüringer (Toringi = ,,Thor`s Leute"?) war dies eine entscheidende Komponente und bei der ethnischen Vermischung aller hier lebenden Volksgruppen (alteinheimische Megalithbevölkerung, indogermanische Illyrer und Kelten, den hermionisch-suebischen Stämmen der Semnonen, Hermunduren, Markomannen, Langobarden sowie den ingwäonischen Stämmen der Wandalen und Burgunder) bildete sich eine anglo-warnische Adelsschicht mit einem erblichen Königtum heraus. Der König (aus kuenec, althochdeutsch = Kuning) war allen germanischen Stämmen heilig. Er war unantastbar, oberster Priester, Richter und Stammesfürst. Mit dem Heil der Königssippe war das Geschick des ganzen Stammes verbunden, was für den König und seine Familie nicht immer von Vorteil war, denn wenn das Heil ausblieb, konnte er auch Wodan (Odin) geopfert werden. Eine endgültige Erklärung, wie es zu der Namensänderung Hermunduren-Toringi-Thüringer gekommen ist, gibt es leider nicht. Vielleicht ist es auch eine zur Zeit nicht lösbare ethnische Definitionsfrage, die Duler, Dulinger, Duren, Duringer, Turlinger, Tungri, Toringi, Turonen, Thervinger, Turcilinger, Teuriochaimai (Teurisker) den östlichen Thüringer Volksgruppen (t) oder aber mehr einer mittelwestlichen Bevölkerung (d) zuzuordnen. Eine Lautverschiebung d-th (Duringer-Thüringer) wäre am ehesten erklärbar, wenn sie vor der Zeitenwende im Rahmen der germanischen Lautverschiebung (Vernersches Gesetz) stattgefunden hätte. Theoretisch wären danach die Thuringi die Abkömmlinge der Duri. Hierfür gibt es aber keine Beweise, denn bis ins dritte Jahrhundert hält sich der Name Hermunduren. Diese Stammesbezeichnung enthält die Sprachwurzeln ermena = groß oder Irmin = der Gewaltige, Große und duren = fest, andauernd oder dur = wertvoll, lieb. Die Bezeichnung Hermunduren könnte von Hermondoroi bzw. ermunduroz ableitbar sein und wäre im Urstamm (I(E)rmin, Irminsul) der Sueben/Sweben (aller Hermione) zu suchen. Der Name Toringi könnte aber auch im harten Lautkern von turon/turoz (germanisch = kühn, althochdeutsch = tiuri) oder von den gotischen Thervingern abgeleitet worden sein. Nicht außer acht lassen sollte man auch einen von den Angeln und Warnen übernommenen Namen der Hauptgötter Tyr und Thor (Ziu und Donar). Das Wort ,,Tü(h)r" bedeutet das ,,sich in den Angeln (!) drehende". Somit würden die Thüringer oder Toringi sowohl die Leute des Tyr oder Thor oder auch ,,die Tanzenden, sich Drehenden, dem Gott zu Ehren", bedeuten. Der urgermanische Name des altnordischen Gottes Tyr lautete Tiwaz, althochdeutsch Ziu, altenglisch Tiw, der in ältester Zeit der höchste Gott war. Sein Name ist verwandt mit dem griechischen Zeus und dem indischen Dyaus, auch Dyaus pitar (Vater) genannt, was zum römischen Jupiter überleitet. Das allen diesen Götternamen zugrundeliegende indogermanische Wort ,,dieus" bedeutet sowohl ,,Tag" als auch ,,Himmel" und ,,Gott des strahlenden Himmels". Im Laufe der Jahrhunderte verlor Tyr seine überragende Bedeutung. Er wurde zum Kriegsgott, um schließlich in der Spätzeit der germanischen Religion nur noch Gott des Things, also eine Art Rechtsgott, zu sein. Da aber in einem organisierten Königreich die Rechtsprechung oberste Bedeutung hatte, wird auch dieser Gott, der zwar immer noch hinter Wodan (Odin) und Donar (Thor) stand, wieder mehr ins Bewußtsein der Thüringer gerückt sein. Mit dem Thüringer Königreich entstand am Ende des dritten, Anfang des vierten Jahrhunderts das erste stabile politische Staatsgebilde östlich des Rheins und nördlich der Donau. Wann jedoch ein erster Thüringer König definitiv regiert haben könnte, ist schwer zu beantworten. In einigen Chroniken vergangener Jahrhunderte werden in geschichtlich unkorrekter Weise angebliche Königsnamen genannt, die auf Grund von Unwissenheit mit dem Königshaus in Verbindung gebracht wurden. Bis heute werden diese Namen auch in modernen Abhandlungen genannt, was zeigt, wie schwierig es ist, ein objektives Bild über diese Zeit zu erhalten.

Manche Königsnamen sind von anderen geschichtlichen Persönlichkeiten abgeleitet, die in die turbulente Zeit der Völkerwanderung fallen. Ein angeblicher König Titus ist aller Wahrscheinlichkeit nach abgeleitet vom römischen Kaiser Titus Flavius (39-81) oder von dem Geschichtsschreiber Tacitus (56-118). Ein König Otterich wäre gleichzusetzen mit dem gotischen König Attanarich (+381). In griechischen Chroniken wird dieser auch als arianischer Richter eines Teilstammes der Kleinoder Moesogoten, der sogenannten Theuoder Thervinger, bezeichnet, deren Namensähnlichkeit zu dieser Verwechslung geführt haben könnte. Mit König Gunther ist eindeutig der Burgunderkönig gleichen Namens gemeint, der sich im Jahre 435 in Thüringen aufhielt. In allen Chroniken tauchen weitere Namen wie Hoger und Erpes auf, die mehr glaubwürdiger erscheinen. Bei Hoger oder Hoierlin (Hoger, Hoyer = ,,Edler, von edlen Geblüt") handelt es sich wahrscheinlich um einen anglo-warnischen Adligen, der im Jahre 319 die Mühlburg erbaut haben soll. Sein Geburtsjahr kann man genealogisch um das Jahr 280 festlegen. Sein Sohn, Erpes oder Erphes (,,der Braune"), errichtete nach dem Tod seines Vaters, um 325, seinen Hof in der Nähe einer Furt durch die Gera (Erfurt). Es ist anzunehmen, daß die Sippe des Hoger (*~280) und Erpes (*304) die späteren Könige der Thüringer stellte. Als erster König der Thüringer könnte Merwig I. (Moebis) gelten, der um 329 geboren wurde. Dies steht auch in keinem Widerspruch zum letztmaligen Erwähnen der Hermunduren in der Gotengeschichte des Jordanes 335 und der angeblich erstmaligen schriftlichen Erwähnung des Stammes der Thüringer (Toringi) in einem Lehrbuch über Pferdeheilkunde (,,Mulomedicinae sive artis Veterinariae") des in Konstantinopel lebenden Schriftstellers Vegetius Renatus im Jahre 380. Zur damaligen Zeit brauchte es manchmal mehrere Jahrzehnte oder noch länger bis eine Nachricht über die Gründung eines Königreiches aus dem fernen Germanien bis nach Rom oder Byzanz gelangte. Hinzu kamen die Wirren der Völkerwanderung, die vom Umherziehen, Zusammenschließen, Aufstieg und Zerfall germanischer Stämme gekennzeichnet war. Für römische Chronisten war es einfach uninteressant, über die Entstehung eines germanischen Königreiches zu berichten, wenn die Interessen des Reiches nicht gefährdet waren, und deshalb war es auch reiner Zufall, daß die Thüringer in Byzanz im Jahr 380 sowie durch den Bischof zu Hippo Regius (Annaba in Algerien), Augustinus Aurelius (354-430), zwischen 413 und 430 genannt wurden (Belagerung von Hippo Regius durch die Wandalen 429/30). Der Name Merwig (auch Marwech, Merovech, Moebis oder Meginwardis) hat auch eine doppelte Schlüsselfunktion, wenn man davon ausgeht, daß die Adelsschicht der Thüringer aus den im zweiten und dritten Jahrhundert eingewanderten Angeln, besonders aber aus den Warnen bestand. So kann der Name Merowech ,,vom Meere weg", also ,,von einem Meer weg gezogen", und die Warnen zogen ja von der Ostsee nach Südwesten, aber auch ,,berühmter Kämpfer" (mar-wig) bedeuten, was die Warnen auf jeden Fall auch waren, denn sonst hätten sie sich nicht als Adelsschicht durchsetzen können. Die Franken hatten über den Ursprung des Geschlechtes der Merowinger eine alte Sage, nach der der erste König Merowech von einem Seeungeheuer geboren wurde. Diese Sage bekommt eine logische Erklärung, wenn man erfährt, daß eine Thüringer Prinzessin, nämlich die Tochter König Merwig I., eine Merowna (367-407), die Mutter des Stammvaters des Hauses Merovech, Clodion Merowech (395-445) und somit der Merowinger ist. Die verwandtschaftliche Bande zu den salischen Franken scheint schon sehr früh entstanden zu sein und es wäre zu überlegen, ob nicht hier der Grund für die späteren Zwistigkeiten zwischen beiden Königshäusern zu suchen ist. Für diese frühe Verwandtschaft sprechen u.a. auch mehrere Funde merowingischer Fibeln, besonders aber von rheinländischen Glas aus dieser Zeit (4./5. Jahrhundert). Der Sohn König Merwig I. ist Wedelphus, der um 360 geboren wurde. Der Name Wedelphus deutet auf den Stammesfürst Vibilius (Weibel) hin, der 300 Jahre zuvor großen Einfluß bei den Hermunduren hatte. Seine Kinder sind Basina, Banin (irrtümlich auch als Chlodwig I. bezeichnet) und Merwig II..

Im dritten Jahrhundert (um 290) zog der Stamm der Burgunder von der Oder kommend durch Thüringen und bildete nach der Verdrängung der Alemannen zwischen Taunus, Rhein und Neckar ein Königreich. Im Jahre 406 räumten die Römer die Rheingrenze und die Burgunder ließen sich mit den Wandalen als Bundesgenossen der Römer zwischen Mainz, Alzey und Worms nieder. Im Jahre 411 wurde Gunther (Gundikar, Gundahar), aus dem Geschlecht der Gibikungen, König der Burgunder. Das Gebiet links des Rheins wurde König Gunther 413 vom weströmischen Kaiser Honorius vertraglich zugesichert. Im Jahre 435 fiel er aber in die römische Provinz Belgica ein, was einen Vertragsbruch bedeutete. Im gleichen Jahr hielt sich König Gunther deshalb zusammen mit König Merwig II. und König Attila (auch König Etzel, gotisch = ,,Väterchen"), der 433 zusammen mit seinem Bruder Bleda den hunnischen Thron bestiegen hatte und Verbündeter der Thüringer und Ostgoten war, zu Friedensverhandlungen in Thüringen (in Eisenach oder Günthersleben?) auf. Nach den Scheitern der Verhandlungen wurden die Burgunder von dem Römer Aetius (Feldherr Kaiser Valentianus III.) und Attila 436 geschlagen, ihr Königssitz Worms zerstört (Nibelungensage) und 443 in die römische Provinz Sapaudia (Savoyen) umgesiedelt. Nachdem er seinen Bruder Bleda 445 ermorden ließ, änderte sich jedoch die Bündnispolitik Attilas und er fiel zusammen mit den Wandalen unter König Geiserich, den Thüringern und einigen Ostgoten in die römische Provinz Gallien ein. Er traf dort im Jahr 451 auf Aetius, der neben den Franken und Westgoten unter König Theoderich I. auch die Burgunder auf seiner Seite hatte. Auf den Katalaunischen Feldern (heute Chalons-sur-Marne/Champagne) in der Nähe von Troyes wurde das Heer Attilas (406-453) jedoch vernichtend geschlagen. Eindrucksvoll wird dieses Ereignis im Jahre 456 vom Bischof von Clermont, Sidonius Apollinarius (430-487) in seinem Heldenepos geschildert, in dem er auch die Thoringi als Verbündete der Hunnen nennt (,,Apollinaris Sidoni Opera"). Nachdem König Merwig II. gefallen war, siedelte sich der Rest des Thüringer Heeres zwischen Maas und Schelde im heutigen Belgien an und bildete hier einen linksrheinisch-thüringischen Lebensraum, was in Thüringen zu einem erheblichen Bevölkerungsrückgang führte. Warum sie dies taten, ist bis heute unklar. Vielleicht waren sie durch den Tod ihres Königs so unmotiviert, daß sie den weiten Heimweg nicht mehr antreten wollten oder dieser wurde ihnen durch die Franken versperrt. Bezeugt werden diese ,,Westthüringer" durch einen Brief Theoderich des Großen aus dem Jahre 491, der die Könige der Heruler, Warnen und Thüringer um Unterstützung gegen den Frankenkönig Clodwig bittet (,,et ideo vos, quos conscia virtus erigit et consideratio detestabilis"). Ebenfalls im dritten und vierten Jahrhundert brachen die Semnonen, bedrängt durch die Burgunder, vom Havelland aus auf und zogen Richtung Südwesten, wo ihre Vorfahren schon im zweiten Jahrhundert zusammen mit den Juthungen und Resten der Chatten und Markomannen den Stamm der Alemannen gebildet hatten. In Thüringen verblieb ein Teil der Semnonen, die hier als Nordsweben bezeichnet wurden. Auf sie gehen u.a. auch Ortsgründungen mit Endungen auf -ingen und -ungen sowie Semmenstedt und Sömmerda (Semeringen) zurück. Die Hauptkönigshöfe Merwig II. (wahrscheinlich auch schon die seines Großvaters) könnten Möbisburg (Merwigsburg) südwestlich von Erfurt aber auch der Rote Berg bei Gispersleben (hermundurisches Fürstinnengrab von Haßleben vom Ende des dritten sowie altthüringisches Wagengrab vom Kleinen Roten Berg [Gattin Berthachars?] vom Anfang des sechsten Jahrhundert) gewesen sein, wobei der Petersberg, welcher genau die Mitte dieser beiden Orte bildet, die Funktion des zentralen Thingplatzes erfüllt hätte. Die neuere Forschung nimmt an, daß auf dem Petersberg eine Kultstätte von überörtlicher Bedeutung lag. Auf dem Berg legten die Franken unter König Dagobert I. (611-639) später eine Königspfalz an, die sich zum zentralen Verwaltungssitz entwickelte und noch bevor Bonifatius im Jahre 724 das erste Mal nach Erfurt kam, gründeten Benediktinermönche hier schon eine kirchliche Niederlassung.



weiter gehts mit Teil 2


(Bisher wurde dieser Beitrag 2 mal editiert, als letztes von sunset am 07.06.2008 @ 18:39)
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